„Judenhäuser“ und „Judenwohnungen“ in Berlin

Eine partizipative Tiefengrabung im Stadtraum


Einleitung

Zwischen 1939 und 1945 gab es in Berlin eine bisher unbekannte Anzahl sogenannter „Judenhäuser“ und „Judenwohnungen“, in denen Juden:Jüdinnen vor ihrer Deportation untergebracht wurden. Obwohl die erzwungene Umsiedlung in ein „Judenhaus“ oder in „Judenwohnungen“ eine weitreichende Erfahrung für die jüdische Bevölkerung Berlins war, ist das Thema bis heute weitgehend unerforscht.

Die Geschichte dieser Orte soll nun in einem partizipativen Prozess untersucht werden. Das Vorhaben des Aktiven Museums und der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin wird von der Alfred Landecker Stiftung gefördert. Die Stiftung schafft Netzwerke, Räume und Wissen, indem sie interdisziplinäre Projekte unterstützt, die sich gegen Antisemitismus und für einen aktiven Umgang mit der Vergangenheit einsetzen.

Ziel des Projekts ist ein topografischer Überblick über „Judenhäuser“ und „Judenwohnungen“ im ganzen Stadtgebiet. Anhand ausgewählter Beispiele soll beleuchtet werden, wie die Einweisung in diese Häuser und Wohnungen funktionierte, unter welchen Bedingungen die Betroffenen darin lebten und wie die Wohnungen nach den Deportationen aufgelöst wurden.

Mitmachen!

Wir laden Geschichtsinitiativen, Privatpersonen und heutige Bewohner:innen damaliger „Judenhäuser“ und „Judenwohnungen“ dazu ein, sich mit eigenen lokalhistorischen Forschungen einzubringen. Dabei werden Sie vom Aktiven Museum und der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin unterstützt, die das Projekt gemeinsam verantworten.

Nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf: info@judenhaeuser.berlin

Häusergeschichten

Mit dem „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 verloren jüdische Mieter:innen im Deutschen Reich ihren Mieterschutz. Zugleich regelte das Gesetz die erzwungene Aufnahme jüdischer Mieter:innen zur Untermiete bei anderen Jüdinnen:Juden. So lebten einander unbekannte Menschen in einer Wohnung zusammen, meist unter sehr beengten Verhältnissen. Viele der Bewohner:innen wurden von dort deportiert.

Oftmals befanden sich mehrere „Judenwohnungen“ in einem Haus, woraus zeitgenössisch der Begriff „Judenhaus“ abgeleitet wurde. Dabei konnten sich in einem „Judenhaus“ auch Wohnungen befinden, die nicht von Jüdinnen:Juden bewohnt wurden.



Agricolastraße 21, Berlin-Moabit

In der Zeit zwischen 1939 und 1945 lebten in der Agricolastraße 21 in Berlin-Moabit 44 jüdische Personen. 26 Juden:Jüdinnen wurden von dieser Adresse aus deportiert. Zählt man die Juden:Jüdinnen mit polnischer Staatsangehörigkeit hinzu, die bereits Ende 1938 und Anfang 1939 nach Polen abgeschoben wurden, erhöht sich die Zahl der Deportierten auf 28. Nur von einer Person ist bekannt, dass sie die Deportation überlebte. Zwölf Bewohner:innen gelang die Emigration: nach Palästina, in die Dominikanische Republik, in die USA oder nach Großbritannien. Heute befinden sich vor der Agricolastraße 21 zwei Stolpersteine für das in Auschwitz ermordete Ehepaar Martin Lewin und Anna Lewin, geb. Simon.

Alte Schönhauser Straße 4, Berlin-Mitte

Zwischen 1939 und 1943 lebten mindestens 73 jüdische Bewohner:innen in der Alten Schönhauser Straße 4 in Berlin-Mitte. Das Gebäude gehörte einst einem Leo Blatt, der um das Jahr 1939 gezwungen wurde, sein Eigentum zu verkaufen. Dieser Verkauf belegt die Praxis der nationalsozialistischen Behörden, jüdische Eigentümer:innen zu enteignen und Wohnräume zu „arisieren“. Leo Blatt und seine Frau Cysal, geb. Pilpel, gehörten zu den 56 Juden:Jüdinnen, die von dieser Adresse aus in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Neun von ihnen hatten zum Zeitpunkt der Deportation ihren 17. Geburtstag noch nicht erlebt.

Käthe-Niederkirchner-Straße 35, Berlin-Prenzlauer Berg

Am Haus Käthe-Niederkirchner-Straße 35 (bis 1974 Lippehner Straße) erinnert seit 2019 eine Stille Klingeltafel an 83 jüdische Hausbewohner:innen, die zwischen 1939 und 1943 dort lebten. 65 wurden deportiert und ermordet, acht konnten ins Ausland flüchten, fünf begingen Selbstmord und vier starben in Berlin, ein Schicksal blieb ungeklärt. Während die Eigentümerin Lina Lewy 1942 in Theresienstadt und ihre Töchter Charlotte und Hildegard 1943 in Auschwitz ermordet wurden, gelangten Charlottes Söhne Peter und Werner Gossels 1939-41 über Frankreich in die USA. Beide kamen zur Einweihung der Gedenktafel mit zehn Angehörigen nach Berlin, wie auch Martin Schott aus Sydney, dessen Familie seit 1912 im Haus lebte.

Klopstockstraße 30, Berlin-Tiergarten

Zwischen 1939 und 1943 wohnten im Haus Klopstockstraße 30 rund 69 jüdische Personen. Für 61 von ihnen war es die Adresse, von der sie deportiert wurden. Der jüdische Kaufmann Emil Scharlinsky musste das Haus im Jahr 1938 verkaufen. Nach dem „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ von 1939 zogen hier 43 Juden:Jüdinnen aus verschiedenen Berliner Bezirken zwangsweise als Untermieter:innen ein. Im Krieg wurde das Gebäude komplett zerstört. Ende der 1950er Jahre entstanden in der Klopstockstraße die neuen Musterbauten des Hansaviertels.

Zehdenicker Straße 24/25, Berlin-Prenzlauer Berg

Im Haus Zehdenicker Straße 24/25 lebten in den Jahren 1939 bis Anfang 1943 über 30 jüdische Menschen. Darunter die dreiköpfige Familie Weinberg, die 1940 aus Ostfriesland vertrieben und nach Berlin gekommen war. In dem Haus befanden sich fünf Wohneinheiten, die als „Judenwohnungen“ fungierten. Dort lebten mehrere Familien und Einzelpersonen zusammen, teilweise als Haupt- und teilweise als Untermieter:innen. Die anderen Wohnungen im Haus waren von Nichtjuden bewohnt. Mindestens eine jüdische Familie wurde 1938 bzw. 1939 nach Polen abgeschoben bzw. dorthin ausgewiesen. Die anderen jüdischen Bewohner:innen wurden ab 1942 deportiert, die meisten Anfang 1943.

Kontexte

Die Wohnungsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde Berlin

Die Wohnungsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde Berlin wurde im Frühjahr 1939 eingerichtet. Sie half wohnungslos werdenden Juden:Jüdinnen, eine neue Unterkunft zu finden. Doch bereits im Juli 1939 wurde die Beratungsstelle unter die Aufsicht der Gestapo gestellt. Nun musste sie am Prozess der Konzentration der jüdischen Bevölkerung in „Judenwohnungen“ mitwirken. Dr. Martha Mosse leitete die Wohnungsberatungsstelle mit einer wachsenden Zahl an Angestellten. Wie die Beratungsstelle genau arbeitete, ist bisher noch unbekannt. Sicher ist jedoch, dass die Mitarbeitenden ab 1941 auch bei den Vorbereitungen von Deportationen helfen mussten. Im Dezember 1942 wurde sie in „Wohnungsstelle und Abwanderungsvorbereitung“ umbenannt. Martha Mosse wurde im Juni 1943 nach Theresienstadt deportiert.

Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt

Der spätere Rüstungsminister Albert Speer war 1937 zum Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt (GBI) ernannt worden. In dieser Position waren er und seine gleichnamige Behörde für die Neugestaltung Berlins zuständig. Vor allem in der Innenstadt sollten Straßenzüge mit zum Teil riesigen repräsentativen Gebäuden komplett neu geplant und gebaut werden. Hierfür mussten zahlreiche Wohngebiete abgerissen werden, was zu einem erhöhten Wohnungsbedarf auf dem bereits angespannten Berliner Wohnungsmarkt führte. Vor diesem Hintergrund sollten von Jüdinnen:Juden bewohnte Wohnungen als Ersatzwohnungen freigemacht und diese in „Judenwohnungen“ umgesiedelt werden. Diese Einweisungen hatte die Wohnungsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde zu organisieren.

Die Planungen und die Tätigkeit des GBI hat die Historikerin Susanne Willems in ihrem Buch Der entsiedelte Jude umfassend dargestellt, woran im Projekt angeknüpft werden kann.

Deportationen

Viele der Bewohner:innen von „Judenwohnungen“ wurden ab Oktober 1941 deportiert. Teilweise erfolgte nach einer Deportation eine erneute Einweisung von jüdischen Untermieter:innen; teilweise wurden die „Judenwohnungen“ jedoch auch aufgelöst und dem Generalbauinspektor (GBI) zur Verfügung gestellt. Mit der Deportation der bis Ende 1942/ Anfang 1943 noch in der Rüstungsindustrie Zwangsarbeit leistenden Jüdinnen:Juden wurde ein großer Teil der „Judenwohnungen“ geräumt. Nach derzeitiger Kenntnis wurden die Bewohner:innen der Judenwohnungen nicht systematisch, sondern nach und nach deportiert, wobei die Kriterien der Auswahl bislang nicht deutlich sind.

Forschung

Welche Quellen können zur Erforschung der „Judenhäuser“ und „Judenwohnungen“ sowie der Biografien der Bewohner:innen genutzt werden?

Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv enthalten Akten der Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten (OFP) Informationen über die Bewertung und Beschlagnahme jüdischen Vermögens nach der Deportation. In Zusammenarbeit mit dem Projekt zur Digitalisierung und Erschließung der OFP-Akten konnten wir dort bereits viele Akten einsehen. Sie geben uns Hinweise auf die Zusammensetzung der „Judenhäuser“ und „Judenwohnungen“ und ihre räumliche Situation. Zudem ermöglichen sie Einblicke in die Lebens- und Verfolgungsgeschichten der Bewohner:innen.

Korrespondenzen zwischen dem Oberfinanzpräsidenten, dem Generalbauinspekteur (GBI), einzelnen Hausverwaltungen und der Jüdischen Kultusvereinigung und bieten zudem Aufschluss über die Wechselwirkungen zwischen einem staatlichen System, das jüdisches Leben verdrängte, und einem jüdischen Wohlfahrtssystem, das darauf zu reagieren versuchte.

Weitere im Landesarchiv Berlin überlieferte Quellen dokumentieren die Tätigkeit des GBI u.a. im Zusammenhang mit durch Deportationen frei gewordener ehemaliger „Judenwohnungen“. Akten der Jüdischen Gemeinde sowie Aussagen von Überlebenden geben Hinweise auf die erzwungene Mithilfe der „Wohnungsberatungsstelle“ der Jüdischen Gemeinde bei der Zuweisung von Wohnraum.

Für biografische Recherchen greift das Projekt auf die bereits vorhandenen Einträge der Webseite der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin zurück.